Domi Chansorn, der glückliche Gewinner der Demotape Clinic.

Talent des Monats Mai

«So viel Verschiedenes
und Neues wie möglich»

Magazin, 2. April 2012, Simon Spiegel

Der Sieger der diesjährigen Demotape Clinic am m4music, dem Popmusikfestival des Migros-Kulturprozent, ist alles andere als ein Anfänger. Domi Chansorn zeigt mit seinen 23 Jahren bereits eine bemerkenswerte Vielseitigkeit: Er spielt Jazz, tourte mit Sophie Hunger und arbeitet an seinem zweiten Solo-Album. Eine Begegnung mit einem Menschen, dessen Leben ausschliesslich aus Musik besteht.

Domi Chansorn kämpft gerade mit seinem iPhone, als wir ihn in Bern zum Interview treffen. Im Display sind mehrere tiefe Risse sichtbar, entsprechend schwierig gestaltet sich die Bedienung des Touchscreens. «Mein Handy ist schon seit fast einem Jahr kaputt», meint er trocken. «Vielleicht gar nicht schlecht, dann spiele ich nicht so viel damit rum.» Eigentlich hat Chansorn gar keine Zeit für ein Gespräch, denn er ist derzeit mit dem Jazz-Quartett BOUNCE in Deutschland auf Tour. Eine kurzfristige Änderung hat aber dazu geführt, dass er nun doch einen Zwischenstopp in Bern einlegen muss und somit Zeit findet, Journalisten zu treffen.

Perfektes Timing, denn mit seinem Song «so many times» hat er an der Demotape Clinic des m4music-Festivals nicht nur in der Sparte Pop gewonnen, sondern wurde auch mit dem vom Migros-Kulturprozent und der SUISA-Stiftung für Musik verliehenen Hauptpreis «Demo of the Year 2012» ausgezeichnet. Seither ist das Interesse an ihm spürbar gestiegen. «Es kamen sowohl Anfragen für Interviews als auch für Konzerte.» Chansorn freut sich über das Echo, doch die ganz grosse Begeisterung bleibt aus. Liegt das an seiner zurückhaltenden Art – er scheint sich hinter Baseballkappe, Schal und Sonnenbrille regelrecht zu verstecken. Oder liegt es daran, dass er trotz seiner jungen Jahre schon zu erfahren ist, um wegen eines Preises in ungezügelte Euphorie auszubrechen? Was auch immer der Grund sein mag: Domi Chansorn ist zwar erst 23 Jahre alt, hat aber schon einen weiten Weg hinter sich.

Musik war in Domi Chansorns Leben immer präsent. «Musik hat einfach dazugehört. Den berühmten Moment, an dem mir klar wurde, dass ich Musiker werden will, den gab es nicht», erklärt der 23-Jährige. Und bislang scheint alles zu klappen: Vergangenes Jahr tourte Chansorn als Schlagzeuger mit dem Schweizer Export-Hit Sophie Hunger, derzeit ist er mit dem Mundart-Rapper Knackeboul unterwegs, und dazwischen hat er noch sein erstes Solo-Album veröffentlicht. Stilistisch will er sich bewusst nicht festlegen. «Ich höre alles, mir gefällt alles», erklärt er schlicht. Genregrenzen interessieren ihn nicht. Während der Schulzeit liess er sich in klassischer Musik ausbilden, anschliessend besuchte er die Jazzschule in Bern, an der Demotape Clinic wiederum reüssierte er mit einer Mischung aus poppigem Rock und Soul. Ein musikalisches Chamäleon, auch hinsichtlich der Instrumente. Neben Schlagzeug spielt er bei Bedarf und Lust auch Bass, Gitarre oder Klavier. Vor einigen Wochen ist Chansorn auch noch unter die Bläser gegangen: Er spielt bei Knackeboul das Kornett.

Nebenher die Demotape Clinic gewonnen
Das vergangene Wochenende ist ein gutes Beispiel dafür, mit wie vielen Engagements Chansorn derzeit jongliert: Am Donnerstagabend spielte er mit BOUNCE in Stuttgart, am Freitagmittag trat er in Zürich an der Demotape Clinic an, anschliessend fuhr er sofort nach München, wo er am gleichen Abend Jazz spielte. Am Samstag musste er zurück in den Schiffbau, um das Konzert mit Knackeboul vorzubereiten, zwischendurch wurde er als Hauptsieger der Demotape Clinic geehrt, um zwei Uhr morgens stand er dann mit Knackeboul auf der Bühne. «Ins Bett kam ich erst um halb sieben in der Früh. Am Mittag ging's dann schon wieder nach Deutschland.» Ein beachtliches Pensum, doch als sonderlich anstrengend empfindet Chansorn sein Leben nicht. «Wenn der Tag um ist, spüre ich die Anstrengung schon. Aber es ist auch toll, zu wissen, dass man etwas gemacht hat.» Touren sei für ihn ohnehin das Schönste. «Es gibt nichts Besseres», so Chansorn. «Es erfüllt mich, wenn ich die Leute mit meiner Musik erreiche; wenn ich spüre, dass ich sie glücklich mache.»

Das Nebeneinander unterschiedlicher Projekte stellt für Chansorn kein Problem dar. Im Gegenteil: Die Frage, ob er nicht Angst habe, sich zu verzetteln, bezieht er ausschliesslich aufs Organisatorische und nicht aufs Musikalische. Er habe seine Agenda gut im Griff – trotz defektem iPhone. «Ich möchte so viel Verschiedenes und Neues wie möglich ausprobieren. Hauptsache spielen.» Die musikalische Vielfalt komme dabei ganz natürlich. «Wenn ich etwas höre oder eine musikalische Vorstellung habe, kann ich es auch umsetzen». Beeindruckendes Zeugnis dieser Begabung ist das Album «Bright Times Can be Dark as Well», das Chansorn vergangenen November veröffentlicht hat und von dem auch der Song «so many times» stammt. Alles, wirklich restlos alles, von der Komposition über den Gesang und die Instrumente bis zur Mischung und sogar dem Artwork stammt von Chansorn. «Normalerweise steht der Name des Künstlers auf dem Album, obwohl er nicht alles selbst gemacht. Ich wollte, dass die Scheibe wirklich vollständig von mir ist.» Es fällt auf, dass Chansorn immer wieder von «Scheiben» spricht, obwohl «Bright Times Can be Dark as Well» nur als Download erhältlich ist; kostenlos, notabene. Er hat nun mal eine Schwäche für Vinyl, und am liebsten würde er sein nächstes Album auch als Platte veröffentlichen. Nicht etwa, weil er damit gross Kasse machen kann, sondern weil er den physischen Aspekt der Vinyl-Scheiben liebt.

Zwei Monate im Luftschutzkeller
Die eigene Musik kostenlos zum Download anbieten und gleichzeitig davon schwärmen, wie wunderbar es ist, wenn man eine Platte auflegen muss, um sie zu hören – ein Widerspruch, der typisch ist für Chansorn. Wie fast alle Musiker seiner Generation kommt er nicht ohne Online-Vermarktung aus: Er hat seine eigene Website – die er ebenfalls zum grössten Teil selbst gestaltet hat –, ist natürlich auf Facebook präsent und freut sich, wenn er sieht, dass kürzlich jemand in Angola seine Musik runtergeladen hat. Zugleich nervt ihn die permanente Erreichbarkeit, und er geniesst es geradezu, wenn er auf Tour mal an einem Ort haltmacht, wo es kein flächendeckendes WiFi gibt. Auch sein Album ist unter Ausschluss der Öffentlichkeit – nicht nur der digitalen – entstanden. Zwei Monate verbrachte Chansorn in einem Luftschutzkeller, sass herum, rauchte viel, trank Wein und spielte 25 Songs ein. 15 davon kamen schliesslich auf das Album.

Die zwei Monate im Bunker waren eine ungesunde Zeit, wie er selbst einräumt. Noch einmal tue er sich das auf keinen Fall an. Das nächste Album, das bereits in Arbeit ist, entsteht nun in Chansorns Berner Wohnung; im vierten Stock mit viel Licht und Luft und einem Wald hinter dem Haus. Auch wenn Chansorn bereits an seinem zweiten Solo-Album arbeitet, an dem wieder alles selbst gemacht sein wird, stellt für ihn dennoch das gemeinsame Spielen mit anderen Musikern das Höchste der Gefühle dar. «Der musikalische Austausch mit anderen ist einfach etwas Einmaliges.» Wieder einer dieser Widersprüche. Wahrscheinlich sind es gerade diese Gegensätze, die Domi Chanson zu einem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Talent machen.

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