Generationenakademie
«Manchmal fühlt man sich alt in der Politik»
Magazin, 13. Oktober 2011, Mathias Haehl
Gilt in der Politik die Gleichung «jung = dynamisch» und «alt = unflexibel»? An der vom Migros-Kulturprozent veranstalteten 2. Generationen-Debatte diskutierten die Jungpolitikerin Mattea Meyer und der Soziologe Markus Zürcher zum Thema «Jung oder alt in der Politik?».
«In der Politik fühlt man sich manchmal ganz schön alt», seufzt die erst 24-jährige Mattea Meyer von der Bühne. Sie ist SP-Kantonsrätin in Zürich und Vizepräsidentin der Juso Schweiz. Ihr Opponent, der 50-jährige Markus Zürcher, Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, lässt seinerseits das Bonmot fallen: «Mit 50 fühle ich mich oft 30 Jahre jünger.» Das war wohl nicht ganz ernst gemeint. Immerhin interessant mitzuerleben: wie sehr Klischees heutzutage auf den Kopf gestellt werden und sich während eines Abends auflösen können - so wie das bei der Diskussion im Puppentheater Stadelhofen unter Leitung der Landbote-Redaktorin Karin Landolt passierte. Und beide Gesprächspartner belegten, dass es in der Tat verschiedene Alter gibt: das kalendarische, das gefühlte und das körperliche.
Von grosser gesellschaftlicher Relevanz
Sofort war man mittendrin in der Generationen-Debatte, die laut Heinz Altorfer, Leiter Soziales innerhalb der Direktion Kultur und Soziales im Migros-Genossenschafts-Bund, so brisant ist, weil «die Fragen um die Generationen von einer grossen gesellschaftlichen Relevanz sind». Altorfer interessierte im Rahmen der zweiten von der Generationenakademie initiierten Generationen-Debatte vor allem ein Thema: «Im alle vier Jahre wiederkehrenden Zirkus um die Parlamentswahlen geht es immer wieder um die sogenannte junge Politik. Hebt die sich überhaupt ab?»
Ist junge Politik anders als jene der Alten? Und: Wie lebt und denkt es sich als junger Mensch? Das wollte Moderatorin Karin Landolt von der Jungpolitikerin Mattea Meyer wissen. «Frei, ungebunden, mit einer ungewissen Zukunft», definierte diese ihr Jungsein. Mit grossem Überblick gesegnet warf der Soziologe Markus Zürcher ein, dass das Frustrationspotenzial bei jungen Menschen zwischen 20 und 25 am grössten sei. Sie besässen dann zwar einen enormen Tatendrang, doch die Gesellschaft lasse sie diesen nicht ausleben. Zu eingeengt sei die Jugend durch Ausbildung und Zwänge. Ferner sei es ein grosses Problem, dass die Jungen zu lange von der Verantwortung ausgeschlossen seien. «Durch ihre Karriere bleiben junge Menschen eingespannt bis sie etwa 28 Jahre alt sind.»
Markus Zürcher erklärte weiter, dass handkehrum Menschen um die 50 am unglücklichsten seien: «Viele entdecken dann, dass sie ihre Lebensträume nicht erfüllt haben und ihre Positionen verteidigen müssen.» Danach gehe es für beide Generationen wieder aufwärts. Und wie erlebt der 50-jährige Zürcher das persönlich? «Für mich heisst Altern: Nimm dich zurück und nicht zu wichtig.»
Politik sollte zukunftsgerichtet sein
Viele ältere Menschen täten aber genau das nicht, vor allem in der Politik, meinte Mattea Meyer. Deshalb sei der Nationalrat überaltert: «Politik sollte zukunftsgerichtet sein, aber die Mühlen der Politik mahlen langsam. Wer alt ist, hat kaum Chancen, seine Anliegen noch durchzubringen, weil er dafür Jahre bräuchte.» Auch Markus Zürcher findet es wichtig, dass mehr Junge Politik machen. Die Mehrheit im Parlament werde von den 45- bis 60-Jährigen gestellt. Ob allerdings der Tatendrang und die Tendenz zur Weltveränderung Privilegien der Jungen seien, bezweifelt er. Und nannte als Beispiele die «Altersradikalität» eines Christoph Blocher oder Nicolas Hayek, des verstorbenen Swatch-Chefs: Die hielten sich lange zurück, um dann plötzlich massiv auf den Tisch zu hauen und zu poltern. Der 70-jährige Blocher wurde so zitiert: «Ich bin nicht zu alt für das Parlament, aber ich kenne viele Jüngere, die ich zu alt finde.»
Diskussionsleiterin Landolt fragte, ob Politiker mit den Jahren vielleicht eine «schädliche Routine» erlebten. Markus Zürcher verneinte: Routine sei grundsätzlich nichts Negatives, sie wirke mitunter gar entlastend. Schliesslich wisse man mit den Jahren endlich, was man wie wolle. Er sei hingegen oft schockiert, wie antiquiert gewisse Junge politisieren: «Die grösste Sorge müssten doch in unserer Situation die Investitionen sein und nicht der Schuldenabbau.» Zudem komme die Fremdenfeindlichkeit der Jugend nicht von ungefähr: Die Jungen erlebten durch die Migration einen grossen Druck, der Kampf um Lehrstellen sei enorm und jeder Gleichaltrige ein Konkurrent.
Rundumblick und Tunnelblick
Beide plädierten für grosse Netzwerke und eine möglichst grosse Altersdurchmischung. «Wir brauchen keinen Frauen-, Alten- oder Mütter-Rat - sondern ein Miteinander im Parlament», so Meyer. Zürcher ergänzte: «Die Bankenkrise hätte anders ausgesehen, wenn wir auch in den Topgremien gemischte Teams gehabt hätten. Also auch Alte mit Rundumblick statt nur Junge mit Tunnelblick.» Da war man wieder bei den Klischees - allerdings hatte Zürcher das mit einem schelmischen Lächeln gesagt. Und in der abschliessenden Publikumsdiskussion meldeten sich einige ältere Zuhörer, was Zürcher sagen liess: «Mit 60 oder 62 ist noch lange nicht Ende Feuer!» Folgendes war die Bilanz des Abends: Ganz schön jung, wie die oft als altbacken betrachteten Politiker da diskutierten.
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